Das Gute liegt manchmal gleich nebenan. Und mitunter legt man nach wenigen Stunden Bootsfahrt in ungeahnt schöner Umgebung an – und isst und trinkt auch noch unerhört gut. Die Weser versteckt in ihren Zuflüssen und Seitenarmen so manches nette Bootshaus. Ein Törn tief in die Ochtum ist der Tipp für einen Tagesausflug in einen fast vergessenen Fluss.

Den Motor seiner „Fidelitas“ hat Jürgen Spille am Vegesacker Anleger beim „Schulschiff Deutschland“ lieber mal laufen lassen, falls doch noch ein Fahrgastschiff kommt: Um Punkt elf machen der erste Vorsitzende vom Wassersportverein Strom und seine Frau Bettina die Leinen ihrer Linssen 34 schnell wieder los, und raus geht es aus der Lesum auf die Weser. Gegen Mittag ist Hochwasser, und der Revierkenner möchte möglichst viel von seiner Ochtum zeigen. Die Mittagstide ist optimal für den Mittagstisch in der Ochtum.

Das 10,70 Meter lange Stahlschiff biegt gegenüber der Moorlosen Kirche vor den Stahlwerken rechts ab Richtung Ochtumsperrwerk. Spilles winken ein paar Kollegen, die ihre Boote gerade per Autokran ins Wasser hieven lassen – die Mitglieder der sieben Ochtum-Vereine kennen sich untereinander. Die „Fidelitas“ wartet vor der hochgezogenen Brücke, bis ein ganzer Pulk Segelyachten durchgefahren ist. Jürgen Spille: „Die Durchfahrtshöhe ist immer angegeben. Die Lichtzeichen gelten wie am Lesumsperrwerk auch. Zwei Stunden vor und nach Hochwasser kann man bedenkenlos in die Ochtum einfahren – das ist die Faustregel.“ Er gibt Gas, um mit ordentlicher Anströmung auf dem Ruder das schwere Stahlschiff durch das Nadelöhr zu bringen.

Direkt dahinter öffnet sich der Blick auf Wiesen und Felder und einen Stabtonne mit einer Art Buzzer obendrauf. Man müsse nur draufdrücken und der Schleusenwärter mache die Brücke auf, erläutert Jürgen Spille. Das Sperrwerk liegt im sogenannten Ochtum-Durchstich. Früher sei die Ochtum weiter nördlich in die Weser geflossen. Vor dem Altarm liegen Boote innen und außen an Schwimmstegen. Dann kommt eine kleine flache Schleuse mit einem Ankunftssteg davor. Jürgen Spille: „Für die kleine Ochtum-Schleuse haben wir hier alle Schlüssel. Die betätigt man selbst.“ Dahinter bietet die Ochtum eine etwas größere Wasserfläche und noch einmal rund hundert Liegeplätze. „Da liegt man tideunabhängig und sehr ruhig.“ Für die Ochtum-Vereine war der Altarm außerdem immer das Aufzuchtbecken für die eigenen Jugendabteilungen.

Hinter dem Altarm wirkt die Ochtum geradezu naturbelassen: Ein halber Baum hat seine Krone ins Wasser gehängt. Auf den Weidekuppen halten sich dicht an dicht braune Kühe gegenseitig warm. „Dieser Abschnitt hat jetzt einen Charakter ähnlich wie die Hamme und die Wümme. Man sollte die Kurven immer schön außen fahren“, erläutert der Schiffsführer, und seine Frau Bettina zeigt, wie man das Ufer lesen muss: Fällt es sacht in Landzungen ab, geht es auch im Wasser erst einmal flach weiter. Da liest man vom Reet am Ufer und der Schlickkante den Fluss. Hier stehen Angler in Tarnanzügen am Ufer. Sehen die Fische die sonst? Oder warum bevorzugen die Herren grüne Kleidung? Jedenfalls grüßt man sich. Die Stimmung hoch oben auf der Schiffsbrücke ist bestens. Warum der Storch oben auf einem Strommast sein Nest gebaut hat, wird wohl auch sein Geheimnis bleiben.

Der Skipper macht die Crew lieber auf ein weißes Schild mit schwarzer Schrift aufmerksam: „Grundschwelle“, steht da zu lesen. Das kann er erklären: „Hier wird es einmal flacher. Das wurde gebaut, damit die Ochtum bei Niedrigwasser nicht vollkommen leerläuft.“ Die 250 Schiffseigner in der Ochtum haben sich längst zur Interessengemeinschaft Ochtum zusammengeschlossen, erzählt Jürgen Spille: „Da geht es natürlich auch immer wieder um unsere Forderung, uns hier die Wassertiefen zu erhalten. Wir hätten es gerne, würde das Wasser zumindest während der Sommermonate ein bisschen aufgestaut. Aber die Bauern sind dagegen.“ Hinter der Schwelle hat das einen Meter tief gehende Boot sogar wieder fast fünf Meter Wasser unter dem Kiel.

Die Ochtumbrücke kommt in Sicht und damit das Elternhaus von Jürgen Spille, in dem sein zwei Jahre jüngerer Bruder Kurt das Hotelrestaurant „An der Ochtumbrücke“ betreibt. Die sieben Liegeplätze am Schwimmsteg direkt vor dem Biergarten stehen zur freien Verfügung, und da kommt Kurt Spille auch schon den Steg hinunter – ein Tablett mit dem obligatorischen Aalkorn als Willkommensgruß. „Das mache ich wirklich immer, wenn ich es bei Bootsbesuch irgendwie einrichten kann. Die Leute lieben das“, freut sich der Gastwirt über den Durst der Bootsfahrer.

Mitunter ist das Tablett auch voller, wenn die fast 17 Meter lange „Punke“ der Reederei „Hal Över“ bis zur Endstation in der Ochtum fährt. Mit ihren gerade mal 0,45 Meter Tiefgang ist das Zeitfenster der Gäste für die Gastronomiepause recht groß. Auch die Barkasse „Vegebüdel“ aus Vegesack kommt manchmal mit Gästen vorbei. Das Schiff hat 1,60 Meter Tiefgang und trotzdem keine Probleme. Jürgen Spille: „Wer über Nacht am Anleger bleiben will,  braucht ein Boot, das trockenfallen kann. Das ist dann aber auch kein Problem.“

Das Restaurant „An der Ochtumbrücke“ hat einen ziemlich guten Ruf für seine Fischspezialitäten: Also einigt sich die Runde schnell auf Maischollen mit Spargel und eine Portion gekochten Schellfisch mit Senfsoße. Beim Getränk stecken die Köpfe in der Chronik der Gegend: Stolze große und kleine Stromer recken da in den 1930-er Jahren zur Einweihung der Brücke die Arme zum Führergruß. In der Zeit vorher spielen Kinder vor der Fährgaststätte auf Bohlen am schlammigen Ochtumufer – Aufnahmen aus den Kindertagen der Fotografie.

Als das Hotel an der Brücke 1955 in den Besitz der Familie Spille überging, gab es schon Farbfilm, und bunt sind auch die Erinnerungen der beiden Brüder an die Kindertage in der Gaststube. „Mittags ist hier eigentlich nie einer in den Keller auf Klo gegangen – die kamen alle immer nur gerade bis vor die Tür, so besoffen waren die“, grinst Kurt Spille heute noch. Jürgen Spille erinnert sich auch an den Deichbau durch die Holländer: „Da war hier auch einiges los. Und die ganze Familie hat mit angepackt, inklusive Oma, Onkel und Tante.“ Immer ging es bei Spilles auch um Boote. Mit zarten 16 Jahren war Jürgen Spille schon Mitglied im Wassersportverein Strom, der vor 45 Jahren im Restaurant der Familie praktisch wieder gegründet worden war. Irgendwelche schwimmenden Untersätze hatte die Familie immer: „Unser Vater hatte auch noch Reusen, die er mit dem Boot abgefahren hat.“

Die Maischolle ist da – zart und kross und köstlich. Die Senfsauce mit braunen Senfsaaten zum festen Schellfisch ist ein Gedicht. Noch ein kleiner Fisch Nachschlag, aber mehr geht nicht. Die Verdauungszigarette kann man draußen in einer hölzernen Grillhütte verarbeiten. Kurt Spille: „Da drin wollte vergangene Woche tatsächlich eine Familie Konfirmation feiern. Eigentlich ist das aber eher etwas für die Rad- oder Bootstour, wenn man etwas auf den Grill legen möchte.“

Jürgen Spille drängt zur Abfahrt, als es die ersten dicken Regentropfen von oben gibt. Anderthalb Stunden nach Hochwasser zeigt sein Echolot einen Meter Wasser unter dem Kiel: „Das Zeitfenster reicht eigentlich, um hier in Ruhe drei Stunden zu bleiben.“ An der Grundschwelle sind noch achtzig Zentimeter Wasser unter dem Kiel. Ein Fischreiher guckt neugierig vom Ufer herüber. Vor der Schleuse zeigt der Tiefenmesser noch 1,70 Meter. „Viele trauen sich einfach nicht, mal in die Ochtum zu fahren“, meint Bettina Spille, und ihr Mann mutmaßt, dass die Ochtum als Törnziel einfach auch ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Mit trommelndem Regen auf der Kuchenbude dauert es 45 Minuten vom Restaurant bis in den Vegesacker Hafen.

Jürgen Spille zeigt auf dem Tablet-PC noch eben die Anweisungen für den Ochtum-Törn, die sein Verein auf seiner Internet-Seite veröffentlicht hat. Die Infos zum Revier finden sich unter www.wvst.de. Unter dem Reiter „Aktuelles“ und „Allgemein“ ist außerdem ein sehenswertes Video vom Zuwasserlassen der „Fidelitas“ zu sehen, das ebenfalls einen Eindruck von der Ochtum vermittelt. Auch die Ochtum-Jugend hat eine eigene Seite unter www.ochtum-jugend.de. Wer einen  Besuch bei einem Ochtum-Verein plant, sollte sich einfach tags zuvor telefonisch über einen Liegeplatz informieren. Die meisten Vereine  sind im Freihafenverbund. (Volker Kölling)